Du erlebst in deiner Partnerschaft oder im beruflichen Umfeld Situationen, die dich belasten? Konflikte, die größer werden statt kleiner? Und du merkst dabei, dass die Muster sich wiederholen. Als würde dich ein Satz anschieben, den du nie ausgesprochen hast.
Solche Sätze haben einen Namen. In der Transaktionsanalyse heißen sie Leitsätze und Antreiber. Sie laufen seit Jahrzehnten in dir, ohne dass du sie je beschlossen hättest.
Vielleicht kennst du die folgenden Eigenschaften aus deinem Freundes- und Bekanntenkreis. In Auszügen womöglich sogar von dir selbst.
Da versucht der eine, es allen recht zu machen. Ein anderer bringt jede Sache zu Ende, bis sie perfekt ist. Wieder einer erledigt alles schnell, schnell. Da drüben wirkt jemand wie ein Fels in der Brandung und muss immer stark sein. Und dann gibt es die, die sich anstrengen müssen, um ihre Ziele zu erreichen.
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Musterverhalten, mal wieder etwas aus der Kindheit?
Dahinter stecken Antreiber. Verhaltensmuster aus deiner frühesten Kindheit.
Die Transaktionsanalyse, begründet von Eric Berne, beschreibt, wie Kinder zwischen der Geburt und etwa dem sechsten Lebensjahr Verhaltensweisen aus dem Erleben im Elternhaus ausprägen. Der Transaktionsanalytiker Taibi Kahler hat 1974 fünf davon beschrieben und Antreiber genannt. Im Erwachsenenalter laufen sie unbewusst weiter.
Am deutlichsten werden sie dort, wo es emotional wird. In einer Partnerschaft. Noch intensiver, sobald ihr eine eigene Familie gegründet habt.
Im Beruf spielen Leitsätze und Antreiber ebenfalls eine Rolle. Wenigstens dann, wenn eine engere Beziehung zu Kollegen oder Vorgesetzten entstanden ist. Das passiert besonders in Unternehmen, wo ein früher Duz-Kontakt die sachliche Distanz ausschaltet. Oder wo der gute Austausch unter den Mitarbeitern eine leicht freundschaftliche Verbindung entstehen lässt. Was in sich erstmal gut ist.
In meiner Arbeit mit Paaren und Einzelnen erlebe ich sehr oft, wie deutlich diese Muster von außen sichtbar werden. Vor allem dann, wenn ich ein paar Fragen zur eigenen Familiengeschichte stelle.
Innerhalb eures Paarsystems erkennt sie meist der Partner zuerst. Für deine eigenen antrainierten Muster bist du selbst erst einmal blind. (Willkommen im Club, mit meinen eigenen geht es mir manchmal auch nicht anders.) Und genau da entstehen die Schwierigkeiten.

Welche Leitsätze und Antreiber gibt es
Hinter den Mustern „Sei stark“, „Beeil dich“, „Streng dich an“, „Mach es allen recht“ und „Sei perfekt“ stehen Glaubens- oder Leitsätze, die dich tief aus dem Unterbewusstsein anleiten, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Trotzig zu reagieren zum Beispiel. Oder die Flucht zu ergreifen, sobald es um Konfliktlösung geht.
Wie diese Sätze bei euch zu Hause klingen
„Mach es allen recht.“ Du sagst zu beim Grillabend seiner Eltern, obwohl du seit Mittwoch auf dem Zahnfleisch gehst. Auf der Rückfahrt bist du still. Er fragt, was los ist. Du sagst: nichts.
„Sei perfekt.“ Bevor Besuch kommt, wischst du die Fensterbank ab, die niemand ansieht. Dein Partner sagt, das reicht doch längst. Du hörst darin, dass du zu viel Wind machst. Er meint: Setz dich zu mir.
„Streng dich an.“ Ihr habt euch einen freien Sonntag vorgenommen, richtig frei, ohne Programm. Um halb zehn stehst du in der Küche und räumst die Spülmaschine aus, weil Nichtstun sich anfühlt wie Faulsein.
„Beeil dich.“ Beim Abendessen erzählt er von seinem Tag. Du hörst zu und bist mit dem Kopf schon bei der Wäsche, beim Elternabend, bei dem Anruf, den du morgen früh machen musst.
„Sei stark.“ Deine Mutter liegt im Krankenhaus. Du organisierst die Fahrten, die Termine, die Nachbarin für die Katze. Als dein Partner fragt, wie es dir damit eigentlich geht, sagst du: geht schon.
In keiner dieser Szenen geht es um deinen Partner. Der Satz läuft in dir, lange bevor er im Raum steht. Und trotzdem landet er zwischen euch.
Der Satz ist älter als du
Deine Mutter hat sich ihren Satz auch nicht ausgesucht.
Geh eine Generation zurück. Deine Großmutter hat einen Haushalt geführt in einer Zeit, in der Durchhalten die schlichte Bedingung war. Niemand fragte nach dem Befinden. Weitermachen war die Antwort auf so ziemlich alles.
Deine Mutter hat das gesehen. Jeden Tag, über Jahre, ohne Kommentar. Kinder lernen wenig aus dem, was Eltern sagen. Sie lernen aus dem, was Eltern tun, wenn sie müde sind.
Also hat deine Mutter den Satz übernommen, ein wenig abgeschliffen, in ihrer eigenen Fassung. Und du hast ihr dabei zugesehen. An einem Sonntag, als sie sich schon wieder nicht hingesetzt hat, obwohl alle anderen längst saßen.
So wandern Leitsätze und Antreiber durch eine Familie. Von den Großeltern zu den Eltern, von den Eltern zu dir. Niemand reicht sie absichtlich weiter. Sie werden abgeschaut.
Und jetzt sitzt du an deinem eigenen Küchentisch. Und deine Kinder schauen zu.
Das ist der Punkt, an dem die meisten innehalten. Solange es nur um dich geht, lässt sich so ein Satz aushalten. Sobald du ihn bei deinem Kind wiedererkennst, im Tonfall, in der Art, wie es aufspringt und hilft, wird er zu einer Frage.
Diese Kette lässt sich unterbrechen. An genau einer Stelle: bei dir. Dafür braucht es kein großes Aufräumen in der Vergangenheit. Der erste Schritt ist viel kleiner. Du hörst den Satz, während er läuft.
Dabei bremsen diese Sätze deine Entwicklung enorm. Manche wirken im Alltag bis zur völligen Erschöpfung.
Wenn der Antreiber dich ausbremst statt anzuschieben
„Sei perfekt“ hat eine Nebenwirkung, mit der kaum jemand rechnet. Du fängst gar nicht erst an.
Die Mail liegt seit vier Tagen im Entwurfsordner. Über die Sache mit dem Wochenende willst du mit deinem Partner reden, morgen, wenn es ruhiger ist. Und das Kita-Formular wartet seit Dienstag auf dem Küchentisch.
Von außen sieht das nach Faulheit aus. Von innen fühlt es sich an wie eine Bremse, die du nicht findest. Denn solange du nicht anfängst, kann auch nichts unperfekt werden. Der Antreiber schützt dich vor deinem eigenen Urteil, indem er dich stehen lässt.
Bei „Streng dich an“ läuft es ähnlich. Leitsätze und Antreiber wirken in beide Richtungen, sie treiben dich an und halten dich fest. Wenn Anstrengung der Beweis für deinen Wert ist, wird jede Aufgabe schwer, bevor du sie überhaupt anfasst. Und was schwer ist, schiebst du.
Wie du aus dieser Schleife herauskommst, habe ich hier ausführlicher aufgeschrieben: Aufschieberitis überwinden.
Ein Leitsatz und was er anrichtet
Als ich vor einiger Zeit über dieses Thema in Verbindung mit Stressabbau sprach, meldete sich eine Frau zu Wort. Es falle ihr schwer, sich während der Arbeit Auszeiten zu nehmen, sagte sie. Solange die Arbeit nicht erledigt sei, gehe das nicht.
Ich fragte nach, was sie in solchen Momenten in ihrem inneren Dialog erlebt. Da sprach sie ihren Leitsatz aus: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Dieser Satz ist bedeutungsvoll. Im Grunde sagt er: „Ich lebe, um zu arbeiten.“ Deutlich wurde das, als sie erwähnte, dass ihr immer weniger Zeit für sich bleibe, je älter sie werde. Sie lebte in einem Hamsterrad aus Arbeit und Anstrengung.
Ich fragte sie, ob das stimmt. Ob sie lebt, um zu arbeiten. Und ob es angenehmer wäre, sagen zu können: „Ich arbeite, um zu leben.“
Das sei nicht möglich, antwortete sie. Schließlich habe sie einen Auftrag zu erledigen.
Der Auftrag stammte aus ihrer Kindheit. Sie hat ihre Mutter immer im Modus der dauerhaft beschäftigten Frau erlebt, die sich nie eine Auszeit gönnte. Diese Haltung hatte sie verinnerlicht und lebte das Muster viele Jahre.
Die Auflösung von alten Leitsätzen und Antreibern
Nachdem wir das Thema vertieft und ein wenig darüber philosophiert hatten, kam sie zu dem Entschluss, einen neuen Weg auszuprobieren. Mit einem dieser beiden Sätze:
„Heute arbeite ich, um zu leben. Und ich gönne mir kleine Auszeiten.“
„Heute arbeite ich, um zu leben. Dafür gönne ich mir kleine Auszeiten.“
Vor Kurzem traf ich die Frau wieder. Sie berichtete freudig, dass ihr die Arbeit im Haushalt und im Beruf viel leichter von der Hand gehe. Sie hat gelernt, den alten Satz gegen ein neues Leitmuster zu tauschen, und ist dadurch bewusster geworden im Umgang mit sich und ihrem Tun.
Dieser bewusstere Umgang hat sie aufmerksamer gemacht. Sie erkennt inzwischen, wann sie kurz vor der Grenze zur Überforderung steht. Dann ergründet sie ihre eigenen Bedürfnisse, spricht sie aus und erarbeitet Möglichkeiten, wie diese Bedürfnisse gelebt werden können. Auch gemeinsam mit ihrem Partner.
Wenn zwei Leitsätze aufeinandertreffen
Bis hierhin klingen Leitsätze und Antreiber nach einem Thema, das jeder für sich mit sich ausmacht. In einer Partnerschaft wird daraus etwas anderes.
Denn dein Partner hat auch einen Satz. Und die beiden Sätze reden miteinander, ohne dass ihr davon wisst.
Ein Bild aus meiner Arbeit mit Paaren. Sie trägt „Mach es allen recht“ mit sich rum. Er trägt „Sei stark“. Am Abend fragt sie, wie es ihm geht, weil sie spürt, dass etwas anliegt. Er sagt, alles gut. Für ihn ist das Fürsorge, er will sie mit seinem Kram in Ruhe lassen. Bei ihr kommt etwas anderes an: Ich reiche nicht bis zu ihm durch.
Also macht sie mehr. Kocht, was er mag. Hält den Abend leicht. Fragt später noch einmal nach. Und er zieht sich weiter zurück, weil ihre Fürsorge ihm zeigt, dass er gerade schwach aussieht.
Zwei Menschen, die sich beide bemühen. Und jeder Schritt bringt sie ein Stück weiter auseinander.
Da ist keine Absicht im Spiel. Es passiert auch nicht, weil die Liebe weg ist. Zwei alte Aufträge erledigen einfach ihre Arbeit, in zwei Menschen gleichzeitig, seit dreißig Jahren.
Der Ausweg beginnt an einer unspektakulären Stelle. Du lernst, deinen eigenen Satz zu hören, während er läuft. Und nicht erst drei Tage später beim Wäschezusammenlegen.
Wenn du ihn hörst, entsteht eine Lücke. Zwischen dem, was dich anschiebt, und dem, was du dann tust. In dieser Lücke fängt die Veränderung an.
Und du sitzt damit nicht allein am Tisch. Der andere Satz sitzt gegenüber und lässt sich genauso anschauen.
Was kannst du tun?
Stell dir zuerst diese Fragen:
Wo erlebst du in deinem Leben starke Belastungen und kannst scheinbar nichts dagegen tun?
An welcher Stelle triggern dich Leitsätze und Antreiber?
Wie lauten die Sätze, die dir im Weg stehen?
Danach stell deine Glaubenssätze in Frage. Und verändere sie im besten Fall so, dass eine positive neue Lebensformulierung daraus entsteht. Ähnlich dem Beispiel weiter oben.
Wichtig sind dabei kurze, positive Formulierungen. So wird aus „Ich muss mich immer anstrengen, sonst bin ich kein guter Mensch“ ein „Ich bin gut und darf mir Auszeiten gönnen.“
Leitsätze und Antreiber verschwinden selten beim ersten Anlauf. Der alte Satz meldet sich wieder, meist genau dann, wenn es eng wird. Das gehört dazu. Entscheidend ist, dass du ihn erkennst, während er spricht. Alles Weitere ergibt sich daraus.
Versuch es gerne einmal.
Achte auf dich.
Dein Michael
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